Freitag, 2. November 2012

Neil Young with Crazy Horse - Psychedelic Pill


Band: Neil Young with Crazy Horse
Album: Psychedelic Pill
Spielzeit: 87:41 Min.
VÖ: 30.10.2012
Plattenfirma: Reprise / Warner
Homepage: www.neilyoung.warnerreprise.com

Wertung : 9 von 10 Punkten

Trackliste:

CD1
1. Drifting Back
2. Psychedelic Pill
3. Ramada Inn
4. Born In Ontario

CD2
1. Twisted Road
2. She's Always Dancing
3. For The Love Of Man
4. Walk Like A Giant

Bonus Track
5. Psychedelic Pill (Alternate Mix)


Eine vorteilhafte Alterserscheinung, welche jüngere Zeitgenossen in Ermangelung derselben schon mal in den sprichwörtlichen Wahnsinn treibt, ist die Zeit. Sich Zeit nehmen...einfach mal hinsetzen und ausruhen, in aller Ruhe essen, durchatmen...Liebe machen, musizieren...Dinge wie diese bekommen im Laufe eines Menschenlebens sehr unterschiedliche Bedeutungen.  
Ähnlich muss es Neil Young ergehen. Der alte Mann aus den kalifornischen Bergen, der einst Allzeit-Hymnen wie Cinnamon Girl, Down By The River oder Heart Of Gold geschrieben hat. Der, wandelbar wie kaum ein anderer, Abstürze und Wiederauferstehungen erleben musste...und das Business von allen Seiten kennengelernt hat, veröffentlicht dieser Tage sein sage und schreibe 34. Studioalbum. Und verlangt dem Hörer eben diese eine grundlegende Sache ab, die er voraussetzt um seine Musik wirklich geniessen zu können: 87 Minuten lang die Füße stillzuhalten und sich Zeit für sein neues Album zu nehmen. 

Psychedelic Pill heisst die Platte und der 67-Jährige hat, was die Länge seiner Songs angeht, sein Alterswerk geschrieben. Diese wirken jedoch, und das ist das tolle daran,  keineswegs abgehangen, sondern energisch und stark wie lange nicht mehr. Welche Frischzellenkur der Mann gemacht hat, bleibt sicher sein Geheimnis und wenn er vom nahenden Ende seiner Musikerkarriere spricht, mag man es nicht recht glauben. Einzig der Blick auf den Kalender bestätigt alle Befürchtungen, die Uhr tickt auch für Ikonen.

Neil Young rührt mit der Doppel-CD bzw. dem 3-fach Vinyl (Young selbst verpönt übrigens sämtliche nicht-Vinyl Tonträger) tief in der eigenen Vergangenheit, wie so oft. Er begann, inspiriert durch das Aufschreiben seiner eigenen Memoiren, mit seinen alten Weggefährten Crazy Horse neue Stücke einzuspielen. "That song began in the studio when Neil sat down at the piano and began playing chords. Ralph (Molina) was on drums and he started this beat on the snare and wouldn't stop for nearly an hour." so Gitarrist Frank "Poncho" Sampedro über den Titelsong. 
Auf diesem Wege entstanden erfreulich frische, gleichzeitig aber auch an längst vergangene Zeiten erinnernde Songs, die vor allem den langjährigen Young-Anhängern vor Freude das Wasser in die Augen treiben dürften, wird man doch gleich mit dem Opener Driftin Back mit einer nahezu halbstündigen Verzerr- und Feedbackorgie konfrontiert...eine gleichermaßen einfache wie schwierige Sache, an der unzählige weniger talentierte Bands kläglich scheitern. Neil Young und seine Band Crazy Horse jedoch machen daraus einen Hörgenuss und lassen die eine oder andere Schwäche des Vorgängers "Americana" vergessen.

Doch es ist nicht nur die Verwunderung über instrumentale Dinge oder Songlängen, Young sinniert und spricht in Rätseln. Phrasen wie "Here's how I got my mantra, gave them 35 bucks now...gave it all to the maharashi, it went all to the organisation" oder "Gonna get a hip hop haircut" machen erst Sinn wenn man den Albumtitel noch mal nach vorne holt...Psychedelic Pill. Alles klar ? 
Erst nach längerem Rätseln wird klar dass er mit Zeilen wie "I used to dig Picasso, then the big tech giant came along and turned him into wallpaper" vermutlich seinen persönlichen Eifer für hochwertige Musikwiedergabesysteme besingt. Picasso=Pono (sein eigener hochauflösender Musikstandard) oder Vinyl, Wallpaper=datenreduzierte Systeme, MP3 etc.

Letztenendes jedoch spielt das alles nur eine untergeordnete Rolle. Young hat Songs für die Ewigkeit, zumindest aber für sein eigenes musikalisches Vermächtnis geschaffen. Ramada Inn, mit fast 17 Minuten ebenfalls mit nahezu epischen Ausmaßen ausgestattet, darf ohne Übertreibung als phänomenal bezeichnet werden. Ein musikalischer Ausflug, dominiert vom treibenden Rhytmus der Crazy Horse Band, vor allem aber Youngs wabernde Gitarrenwände, der einfach nur Spaß macht. Und hier kommt wieder der Faktor Zeit ins Spiel. Leute, nehmt sie euch, es lohnt sich zuzuhören. 

Es folgt eine Serie "kürzerer" Songs, und schon zeigt sich die andere Seite des Loners. Eingängige Refrains in Born In Ontario, übersichtliche, packende Songstrukturen in Twisted Road und eine nahezu sakrale Stimmung in For The Love Of Man. Eine erste und einzige Schwachstelle erlaubt Young sich mit dem 8-minütigen She's Always Dancing das gekürzt sicher mehr Schmackes gehabt hätte, so aber dümpelt die Nummer etwas langatmig vor sich hin.

Dann das Grande Finale. Mit Walk Like A Giant verabschiedet Neil Young sein Publikum und zündet eine letzte Kerze an. Was folgt sind mehr als 16 Minuten all dessen was einen perfekten Neil Young Song ausmacht. Die Essenz dieses Albums und die Auferstehung alter, vergessener Highlights. Der mehrstimmige herzerweichende Refrain, die wabernde Gitarre, der treibende Beat, das Pfeifen im Walde...Young-Fan, was willst Du mehr ?

Es folgt ein Bonus-Song, eine Version des Titelsongs. Ein Alternativ-Mix den ich nicht gebraucht hätte, gefällt mir doch die Album-Version schon sehr gut. Meiner Meinung nach überflüssig, wenngleich ebenfalls sehr gut.

Schlussendlich bin ich der Meinung dass Herr Young mit seinem bisher längsten Studio-Album sein Revier reichlich markiert hat. Gerne hätte es um ein, zwei Songs kürzer ausfallen dürfen, dann hätte ich zum zweiten Mal innerhalb von 14 Tagen die Höchstnote zücken müssen. So bleiben für Psychedelic Pill immerhin richtig fette neun Punkte. 

Bernd Fischer

Kommentare:

  1. Dass es das in dieser Zeit noch mal gibt. Ein Rockalbum, das man einlegt und alle Termine des Tages sind passé. Man kommt nicht mehr los von diesem Werk. Neil Young musste zurückkommen aus seinem erfolgreich absolvierten Drogen- und Alkoholentzug, seine Männer von Crazy Horse um sich versammeln und uns zeigen, wie es geht.
    Schon der erste Song “Driftin’ Back” – das war noch nie da: ein Opener eines Rock-Album mit einer Spieldauer von über 27(!) Minuten. Und mit “Ramada Inn” (16:48 min.) und “Walk Like a Giant” (16:26 min.) folgen im Laufe des Albums noch zwei ähnliche Riemen. Und alle Songs dazwischen keineswegs nur Füllsel, sondern jeder für sich ein Kracher.
    Neil Young erfindet die Rockmusik nicht neu. Er macht das, was er kann – und das kann niemand so gut wie er. Über dem präzisen Spiel seine Crazy-Horse-Band mäandert er mit seiner E-Gitarre durch zerklüftete Folkrock-Landschaften. Ja, wenn es ein Verb gibt, dass dieses Album am besten beschreibt, dann ist es “mäandern”. Mäandernde Gitarrensoli sind für gewöhnlich Masturbationsakte, von denen außer dem Gitarrenspieler niemand etwas hat, nicht so bei Neil Young. Neil Young darf ruhig seine Gitarrensoli bis in alle Ewigkeit spielen.
    “Psychedelic Pill” ist das beste Neil-Young-Werk aller Zeiten. Für dieses Album wurde die Repeat-Funktion erfunden.
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    1. Schöne Einschätzung von Dir...und vor allem richtig. PP rotiert bei mir in aller Regelmäßigkeit. Hätte man damit gerechnet ?

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Dein Rockingboy-Team

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