Mittwoch, 31. Oktober 2012

Aerosmith - Music From Another Dimension

Band: Aerosmith
Album: Music From Another Dimension
Label: Sony Music
Spielzeit: 81:16  Minuten (Deluxe Edition)
Veröffentlichung: 02.11.2012
Website: www.aerosmith.com


Wertung: 3 von 10


Tracklist:

01 – LUV XXX
02 – Oh Yeah
03 – Beautiful
04 – Tell Me
05 – Out Go The Lights
06 – Legendary Child
07 – What Could Have Been Love
08 – Street Jesus
09 – Can’t Stop Lovin’ You (Duet With Carrie Underwood)
10 – Lover Alot
11 – We All Fall Down
12 – Freedom Fighter
13 – Closer
14 – Something
15 – Another Last Goodbye 


Bonus-CD:

01 – Up On The Mountain
02 – Oasis In The Night
03 – Sunny Side Of Love




Kurz vor Veröffentlichung der neuen Aerosmith-Scheibe konnte man von Steven Tyler folgendes über seine Kollegen von Kiss hören: "Kiss sind eine Comicband - wenn ich ein Riff von Joe Perry gegenüber einem Riff von Kiss höre, weiss ich was besser ist etc.etc." Paule Stanley gab sich angesprochen darauf recht weltmännisch  gelassen und entgegnete lediglich: "Steven muss wohl seine neue Scheibe promoten und braucht einen Realitäts-Check. Wenn die Platte draußen ist vergleichen wir einmal beide Veröffentlichungen und dann sehen wir weiter". Lässig gekontert! Abgesehen davon, dass es für einen 63jährigen ziemlich kindisch ist, über Kollegen zu ätzen, ist nun die Stunde der Wahrheit gekommen, da beide Platten erhältlich sind. Und das Ergebnis der Gegenüberstellung fällt in etwa so aus, wie wenn der FC Bayern München in Stammbesetzung ein Freundschaftsspiel bei einer Altherren-Thekenmannschaft bestreitet. Zugunsten von wem, wird im Folgenden untersucht:
Die Aero-History in den 2000ern war doch recht bescheiden: Nach dem durchaus guten "Nine Lives" und dem Hit "I Don't Wanna Miss A Thing" aus dem "Armageddon"-Film, der sich zu einem Riesenhit entwickelte, war es bald vorbei mit der Glückseligkeit im Luftschmidt-Camp. Die fürchterliche "Just Push Play" war ein einziges Fiasko, die Touren wurden lauer, die Spielzeiten kürzer und es wechselten sich nur noch Greatest Hits-Scheiben mit Live-Compilations ab. Abgesehen davon tourte man so ziemlich jedes Jahr durch Amerika, denn man muss ja auch von etwas leben und die Ex-Frauen verzichten sicher nicht freiwillig auf ihre üppigen Unterhaltsansprüche. Dazwischen gab es im Jahr 2004 eine Cover-Scheibe namens "Honkin' on Bobo", die genauso überflüssig war wie ein Sandkasten in der Wüste Gobi. Kürzlich kam dann noch eine ziemlich konfuse Steven Tyler-Biographie auf den Markt und die Streitigkeiten zwischen Perry und Tyler zogen wieder mächtig an und gipfelten darin, dass sie sich gegenseitig auf der Bühne dissten. Einmal flog Tyler nach einer Attacke von Perry sogar von der Bühne. Nach absolviertem Entzug Nr. xx gab Tyler den Bohlen in "American Idol". So weit so schlecht. Besser sah es wieder aus, nachdem bekannt wurde, dass als Produzent für ein wirklich brandneues Studio-Album Jack Douglas gewonnen werden konnte, der 70er Jahre Haus- und Hofproduzent der Bostoner. Dieser war allerdings bereits bei der Blues-Coverscheibe am Werk und konnte selbige auch nicht retten. Den gestreuten Gerüchten zufolge sollte es wieder "Back to the Roots" gehen, ohne Balladenballast und ohne aussenstehende Songwriter. Blickt man auf die Credits, so kann man dieses Statement schon einmal komplett in die Tonne treten, sind mit Diane Warren & Co genau die üblichen Verdächtigen vertreten, die bereits das Vorgängerwerk verwässerten.
Nach einem sehr spacigen Intro wird der Hörer wirklich gespannt. Leider ist das originelle Intro aber der wirkliche Höhepunkt der ganzen Scheibe, denn was in großen Teilen folgt, ist die schlichte Demontage einer ehemaligen Legende. Anstatt dem Intro ein flottes Stück im Stile von "Toys in the Attic" oder "Eat The Rich" folgen zu lassen, hören wir Steven Tyler in "Love XXX" (gesprochen "Love Three Times") ein langgestrecktes "Helloooooooooo" singen und was zuallererst auffällt ist, dass die Produktion nahtlos an "Just Push Play" anschliesst: Glatt, poliert und ohne Dampf - "Pop" statt "Rock".  Das Stück gewinnt gar keine Fahrt, wird zwar zum Ende hin etwas flotter aber kann man getrost als unwürdig für den Opener-Slot einer Aero-Scheibe betiteln. Das nachfolgende "Oh Yeah" klingt in der Tat etwas rauher, recycelt aber ein lahmes Stones-Riff und die deplatzierten Frauen-Chöre, die "Oh Yeah" skandieren, tragen auch nicht dazu bei, dass der Song besser wird. Der aktuell neue Stones-Track "Doom & Gloom" zeigt es den Bostonern, wie es richtig geht. Bereits der zweite Rohrkrepierer. Das Leck im Rohr hält weiterhin an mit "Beautiful" . 1986 feierten Aerosmith mit "Walk This Way"in einer rap-betonten Version  ihre Renaissance zusammen mit Run DMC. Den Rap gibt es anno 2012 auch, nur klingt das hier so, als würde ein alter Mann früh beim Rasieren einen Beastie- Boys-Song schmettern. So klingen jedenfalls die Verse des Songs, da rettet auch das ganz nette Perry-Riff nicht mehr viel. Als Chorus wurde dann offenbar in der "Was haben wir denn noch an Pop-Refrains"-Schublade gekramt und ein fürchterlicher Seicht-Refrain in den Song eingebaut, der nun mal so gar nicht passt. Das Leck im Rohr wird immer grösser - soll das wirklich die erste Aerosmith-Studioscheibe nach 11 Jahren sein oder machen sich die Herren nur einen Spass ? "Tell Me", der nächste Stolperstein, wurde von Tom Hamilton mitverfasst und ist die erste (fast-) Ballade der CD (und es wird nicht die letzte sein). Auch hier ist wieder Popmusik ohne Biss angesagt, der Refrain klingt billig dahingenölt und ist erneut einer Band unwürdig, die ruhige Klassiker a'la "Dream On" oder "You See Me Crying" verfasst hat. Mit "Out Go The Lights" wird auf Song 5 das erste Mal annähernd so etwas wie Rockmusik geliefert. Hier allerdings auch wieder sehr stoneslastig und mit Frauenchören, die den Song eher seicht erscheinen lassen. Desweiteren ist die Bridge des Liedes ab "Roses are Red" irgendwie kitschig. Weiterer Negativpunkt: Nach 4 Minuten ist der Song praktisch vorbei um dann nach einem Break noch 3 Minuten lang mit "Oh-Wa-Hoo"-Chören unterlegt mit einem nicht gerade spannenden Gitarrensolopart bis knapp unter 7 Minuten fortgeführt zu werden. Da braucht man starke Nerven - absolut unnötig. Nichtsdestotrotz einer der besseren Songs, was viel über diese Scheibe aussagt. "Legendary Child" klingt nicht nur so wie ein mißglücktes und aus diesem Grund damals nicht veröffentlichtes Outtake zu "Get A Grip" - Zeiten, es ist auch tatsächlich ein Überbleibsel aus dieser 20 Jahre zurückliegenden (guten) Phase. Auch hier zitiere ich wieder Paul Stanley: "Warum alte Songs veröffentlichen, die bereits damals als albumuntauglich verworfen wurden?". Diese mehr als berechtigte Frage ist Aerosmith auch zu stellen, ich wäre auf eine Antwort gespannt. Der Song kombiniert ein geklautes Led Zep-Riff mit dem Luftschmidt-eigenen "Eat The Rich", ohne jedoch dessen Härtegrad und Biss zu erreichen. Der Chorus ist zudem so spannend wie ein Rosamunde-Pilcher-Film. Auch hier sind die inflationären "Oh"'s auffällig und mehrere Nummern zuviel. Zwar ein schwacher Song aber es gibt hier noch bei weitem schwächere. Hört man "What Could Have Been Love" , der nächsten Ballade, so sollte  der Truppe doch wirklich mal jemand sagen, dass man als Rockband 2012 mit einer süßlichen Ballade keinen Hit mehr landet. Es scheint an Ihnen völlig vorübergegangen zu sein, dass es heutzutage nicht mehr reicht, ein "More Than Words" oder "I'll be There For You" zu schreiben. So eine Herzschmerz-Ballade wirkt bei älteren Herren dann doch etwas peinlich, wobei man sagen muss, dass der Song so ziemlich der beste auf "Music From Another Dimension" ist. Er geht gut ins Ohr, hat eine epische Melodie und ist gut arrangiert. Nur bereits schon in mehrfacher Fassung auf vorherigen Aerosmithscheiben gehört und das auch um Einiges besser.Tyler finde ich klingt hier langsam müde und alt.  "Street Jesus" ist dann einer der wenigen wirklich guten Songs , die einigermaßen rocken. Wenn man es genau nimmt eigentlich der Einzige. Doch auch hier werden Fehler begangen. Nicht etwa dergestalt, dass das Lied ziemlich von "Rats In The Cellar" kopiert wurde, nein, statt einem kurzen knackigen Rocksong wird er auf über sechs Minuten gestreckt und das "Street Jesus" am Ende hin derart oft wiederholt, dass man sich vor die Boxen knieen möchte, um darum zu betteln, dass der Song doch bitte endlich endet. Wieder eine verpasste Chance. Dass Tyler in der Jury von "American Idol" (dem Gegenstück zu DSDS bei uns) sitzt, hat leider auch seine Spuren hinterlassen und zwar in Form  von "Can't Stop Loving You", einer seichten Country-Ballade, die zusammen mit der AI-Siegerin Carrie Underwood vorgetragen wird. Die Nummer wäre auf einem Tyler-Solo-Album (sofern dass denn einer benötigt) nicht weiter tragisch aber auf einem Aerosmith - Album ?? Nein Danke. Einer der absoluten Tiefpunkte der Scheibe und der Bandkarriere. Erinnert mich an eine Gruppe aus New Jersey, die auch mal als Rockband gestartet ist und sich dann auserkoren sah, einen auf Nashville-Seicht-Pop-Country zu machen. Angebiedere an ein jüngeres Publikum und die Gitarren wohlweisslich in den Hintergrund gemixt. "Lover A Lot" soll dann wohl wieder etwas den Rockfan zurückbringen, schafft mit seinem eintönigen sich dauerwiederholenden Refrain jedoch nur, dass man die Skip-Taste betätigt. Nervtötend. Weil es so schön war, steht dann schon wieder die nächste Ballade an, die da "We All Fall Down" heisst und von Diane Warren im Alleingang geschrieben wurde, in der Hoffnung, dass sich der "I Don't Wanna Miss A Thing"-Erfolg wiederholen mag. Klingt wie am Reißbrett entworfen (wurde der Song wahrscheinlich auch) und schon Tausendmal gehört. Die Drums klingen hierbei erschreckend synthetisch und Gitarren sind einmal mehr Mangelware. Auf "Freedom Fighter" ist einmal mehr Joe Perry am Mikrofon zu hören, der wohl eine der langweiligsten und monotonsten Stimmen im gesamten Rockzirkus hat. Offenbar traut sich das ihm keiner zu sagen und der von ihm vorgetragene Song plätschert auch nur langweilig vor sich hin ohne zu überzeugen. "Closer" geht auch als Ballade durch (nein nicht schon wieder!!!!!!!!!!!!!!!!) und verkackt auf ganzer Linie durch seinen in allen Belangen misslungenen Refrain, die Band klingt saft- und kraftlos und man reibt sich weiter verwundert die Augen bzw. Ohren bei dem hier Dargebotenen. Irgendwie merkt man, dass das keine richtige Band mehr ist, die Spass am gemeinsamen Musikmachen hat und ein Kollektiv darstellt, anders kann ich mir dieses Fiasko wahrlich nicht erklären. Das ist unterdurchschnittliche Auftragsarbeit , die den Namen "Aerosmith" nicht  verdient hat  Ein Song wie "Something" (wieder von Perry intoniert) wäre früher nicht einmal eine B-Seite wert gewesen, ein weiterer absolut nichtssagender Song, bei dem man erleichtert ist, wenn er vorbei ist. Ein weiteres  Lowlight haben sich die Jungs für ganz zum Schluss aufgehoben. Eine erneute (!!) Ballade namens "Another Last Goodbye", auf der nur Tyler mit Piano und Streichern zu hören ist. Der Song führt irgendwie nirgendwo hin und erinnert höchstens an Aufwärmübungen von Steven Tyler vor einem Konzert. Wie vor allem der schief gesungene Chorus, bei dem man wirklich kurz davor ist, das Ganze für eine Parodie zu halten, die Qualitätskontrolle passiert hat, ist mir ein Rätsel. Über die weiteren drei Songs der "Deluxe"-Edition noch Worte zu verlieren erspare ich mir, den  sie ziehen das Niveau noch weiter in den Keller (ein von Tom Hamilton gesungenes recht hüftsteifes Stück, ein Popsong sowie ein akustisches Nichts wieder mit Perry an den Stimmbändern) und macht mich nur noch wütender als ich es mittlerweile schon bin.
Von einer Band dieses Stellenwerts habe ich seit langem kein belangloseres, unrockigeres, balladenbetonteres, unharmonischeres und letztlich schwaches Werk gehört als "Music From Another Dimension". Den Titel muss man geradezu dergestalt deuten, dass diese Dimension eine ist, deren negatives Ausmaß man sich vorher wirklich nicht vorstellen konnte. Dass ich mit dieser Meinung nicht alleine dastehe, zeigen die mehrheitlich negativen Stimmen im Forum auf der bandeigenen Website (siehe oben).

Um den Faden von "Kiss vs. Aerosmith" von oben nochmals aufzunehmen: Kiss sei "eine Comicband" ? Schauen Sie sich das Cover Ihrer neuen Scheibe an, Herr Tyler, ist das nicht ein Comic ? Die Riffs von Perry wären "in einer anderen Liga als die von Kiss"? Mag sein, wären sie denn auf MFAD zu hören. Der Vergleich zwischen "Monster" und "Music From Another Dimension" ist eigentlich schon Blasphemie. Wo auf der einen gerockt wird, als ob es kein Morgen gäbe, bekommen wir auf der anderen fade und kraftlose Kost geboten, mit Songs, die dem Namen der Band auf dem Cover unwürdig sind. Diese Scheibe reiht sich bei mir  nahtlos in die "Hall Of Shame" neben "Lost Highway", "Dedicated To Chaos" , "Chinese Democracy" und ein paar anderen schwarzen Schafen ein. Sollte das wirklich die letzte Aerosmithscheibe sein, und danach sieht es ja nun wirklich aus, so ist das ein wirklich trauriger Abschied. 

Für die sehr raren, einigermaßen  guten (aber bei weitem nicht brillanten!) Momente der Scheibe, namentlich das coole Intro,  "What Could Have Been Love", "Out Go The Lights" sowie "Street Jesus", welche jedoch auch ihre Macken haben, vergebe ich 3 Gnadenpunkte. Der Rest spottet zum Teil wirklich jeder Beschreibung. Mir ist ein Rätsel, wie in so mancher Fachpresse das Werk als das beste Aerosmith-Teil seit Jahrzehnten abgefeiert wird. Kann an sich nur an den großflächig platzierten, ganzseitigen Anzeigen im Heftinneren liegen. Hier gibt es jedoch die (in diesem Fall leider schmerzhafte) unbeeinflusste Kritik. 

R.I.P. Aerosmith - ihr wart mal echte Helden!


Martin

Kommentare:

  1. Absolute Zustimmung! An all die anderen Musikmagazine, die diesen Rohrkrepierer hoch bewertet haben: Wascht eure Ohren oder gebt euch mal wirklich starke Aerosmith Alben wie "Toys in the Attic" oder "Rocks" auf Dauerschleife, das hilft ungemein...

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  2. Danke für die Zustimmung. Auf Reviews in der Fachpresse gebe ihc mittlerweile NULL mehr. Da besteht ein direkter Interessenkonflikt mit denen, die so ein Heft aufrechterhalten und das sind nicht die Leser sondern die Anzeigenkunden. Und wenn für MFAD eine ganzseitige teure Anzeige geschalten wird dann kann es definitiv keine miese Kritik geben. Traurig für diejenigen die dann eine gute schreiben müssen.
    Im Falle des Heftchens mit dem nach einer Aerosmith betitelten Scheibe war das 110% so - der Rezensent tut mir aufrichtig leid!

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  3. Absolut treffende Kritik, ein grauenhaftes Album.

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